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Bali – Großfisch und Critters im Indopazifik
Nichts! Zumindest fast nichts ist zu sehen. Wir müssen vorsichtig sein, um nicht von den Wogen gegen die Felsen geschleudert zu werden, während wir angestrengt versuchen, den Vorhang aus Plankton und Luftperlen mit Blicken zu durchschneiden. Gerade noch war einer von ihnen da, doch jetzt scheint die Szene verlassen. Ein Blick zur Gruppe! Sind alle noch da, keiner klebt am Fels? Und was sind das für schwarze Schatten dort schräg oben? Mit einem Mal sind sie wieder zurück, gleich vier ausgewachsene Mantas fliegen wie an einer Perlenschnur aufgereiht an uns vorbei. Der Auftakt zu nur einem von vielen Höhepunkten bei unseren Tauchgängen in den Gewässern vor Bali.
Bei unserer Entscheidung für Bali als Reiseziel stand fest, dass Tauchen einen Gutteil unserer Aktivitäten ausmachen sollte. Ein Ressortaufenthalt kam nicht in Frage, wir wollten in Backpackermanier von Ort zu Ort ziehen. Nach einiger Internetrecherche im Vorfeld hatten wir mit der auf Bali lebenden Tauchlehrerin Bea Goldschmidt und ihrem innovativen Geschäftsmodell die Lösung gefunden: „Rent a Diveguide“ – unabhängig von festen Tauchbasen bietet sie Touchtouren an, bei denen sie ganz auf die individuellen Tauchplatzwünsche ihrer Gäste eingeht. Wir waren insgesamt sieben Tage mit ihr unterwegs und haben in 17 Tauchgängen soviel gesehen, dass es für doppelt so viele Unterwasserausflüge reicht.
Erste Station unserer Tauchtour ist Padang Bai, ein Fischerdorf im Südosten der Insel, das nur durch den Fährbetrieb zur Nachbarinsel Lombok aus seinem Dornröschenschlaf geweckt wird. Von hier aus geht es mit dem Speedboot nach Nusa Penida, einer weiteren Nachbarinsel Balis. Für die ersten beiden Tauchgänge in Indonesien wählt Bea relativ einfach zu betauchende Spots: Saumriffe, über und über mit Hartkorallen bewachsen, die im 45 Grad-Winkel in die Tiefe abfallen. Die Orientierung verläuft denkbar einfach per rechte Schulter, Umdrehen bei 100 Bar, linke Schulter zurück. Doch wenn die Strömung easy sein soll, dann war verglichen damit unser Trip zu den Brother Islands ein Kinderspiel. Den Sicherheitsstopp verbringen wir wie Fahnen im Wind am Ankerseil flatternd. Beim Tauchgang werden wir Zeuge einer ungewöhnlichen Freundschaft: Ein Weißspitzenriffhai und eine beachtliche Dickkopfmakrele umkreisen uns dicht nebeneinander synchronschwimmend. Bea erklärt später, dass das keine Laune der Natur ist, sondern reiner Pragmatismus: Die Dickkopfmakrele versucht auf diese Weise Nahrungsreste des Hais zu ergattern, die dieser beim Fressen über die Kiemenöffnungen verliert. Auf dem Weg zurück nach Bali spielt eine Gruppe Delfine mit dem Speedboot, das Mühe hat, den Meeressäugern hinter her zu kommen. In Padang Bai springen wir in vollem Neopren gerade vom Boot, da kommen auch schon die ersten Strandverkäufer: Watch, Massage und Sarong! Glücklicher Weise bringen wir glaubhaft rüber, dass Taucher im Regelfall keine Geldscheine im Jacket einstecken haben.
Der nächste Tauchtag steht im Zeichen der Großfische. Es geht zum Manta Point, einem der wenigen Tauchplätze weltweit mit einer fast hundertprozentigen Manta-Garantie. Die Hinfahrt führt durch einen 800 Meter breiten Kanal zwischen den Inseln Nusa Penida und Nusa Lembongan. Während der Gezeitenwechsel scheint hier der komplette indische Ozean durchgepresst zu werden. Das Speedboot hüpft wie ein Gummiball von Welle zu Welle – und oft genug ins Wellental. Jemand meint, dass man für so was auf dem Rummel bezahlen muss. Alle stimmen mit krachenden Bandscheiben zu.
Der Tauchplatz selbst bietet nicht sehr viel. Was soll im starken Schwell auch groß wachsen. Ein paar Korallen trotzen den Wogen, doch ansonsten sieht man nur Schwämme, die flach an den Fels gepresst ihr Dasein fristen. Doch wir sind ja auch nicht wegen der Korallen hier. Wir suchen die Großen des Meeres. Die Minuten vergehen, der Finimeterzeiger bewegt sich unaufhaltsam abwärts, doch kein Manta ist zu sehen. Permanent werden wir von den Wellen fünf Meter nach links, dann fünf Meter nach rechts und gleichzeitig zwei Meter nach oben, dann zwei Meter nach unten versetzt. Ein Königreich für eine Wäscheklammer, denn eine Hand hängt für den Druckausgleich ständig am Nasenerker. Langsam kommt schon etwas Ratlosigkeit auf, da erscheint ein dunkler Schatten. Wir hangeln uns langsam zu einem Felsblock in Richtung des Schattens. Gerade auf dem Plateau des Felsen angekommen, schwingt sich plötzlich ein riesiger Manta vom Felsfuß wie ein Vogel im Aufwind zu uns hinauf, lässt wenige Meter vor uns seinen weißen Bauch aufblitzen, kippt nach links ab und verschwindet langsam im Trüben. Nach und nach tauchen weitere Mantas auf, doch sie sind scheu und drehen sehr früh wieder ab. Der Grund ist schnell gefunden. Eine Rudeltauchgruppe stößt wie ein Jagdgeschwader in jede Richtung, in der sich auch nur der Ansatz eines Mantas zeigt. Wir müssen ohnehin los, die Reserve mahnt. Auf dem Weg zum Schiff entdecken wir einige Blaupunktrochen auf einer Sandbank dösend. Wir sind so von den Verwandten der Mantas eingenommen, dass uns fast ein dicht neben uns vorbeiziehender Teufelsrochen mit schwarzem Bauch entgeht. An Größe stellt er die anderen Mantas deutlich in den Schatten – kein Wunder also, dass er hier der Platzhirsch ist, wie uns Bea später erläutert. An Bord ist erst einmal wildes Geplapper angesagt: Haste gesehen…boah…was für Brocken! Wie für uns ist es für viele an Bord das erste Mal mit den Riesen. Und es scheint so weiterzugehen, am Nachmittag ist Crystal Bay angesagt, ein Tauchplatz, an dem Mondfische aus dem zwischen den Inseln liegenden Tiefseegraben aufsteigen sollen.
Wir haben Pech! Als erste Gruppe tauchen wir den weitesten Weg am Riff entlang, doch bis auf einen Ammenhai zeigt sich nichts Großes. Auf dem Rückweg treffen wir die anderen vom Tauchboot und Bea deutet ihnen, dass Streckentauchen sich nicht lohnt. An Bord angekommen sind wir hin- und hergerissen zwischen Enttäuschung und der Erinnerung daran, was wir heute schon gesehen haben. „Die Natur lässt sich halt nicht reinreden“, will ich schon gekünstelt abgeklärt ansetzen, da taucht der Rest der Truppe auf und fängt an zu schreien: Vier Molas, Riesenkerle, bestimmt gut drei Meter im Durchmesser. Dank unseres Tipps, das Riff nicht komplett abzutauchen, haben die anderen an Ort und Stelle verweilend Besuch von Mola Molas bekommen, während wir schon austauchen mussten. Das ist nicht der Lauf der Natur, das ist das Pech des Tüchtigen! Zurück in Padang Bai werden beim Abendessen gleich die Mantabilder betrachtet und die Mondfisch-Pleite ist schnell vergessen.
Zwei Tage mit erlebnisreichen Tauchgängen später heißt es Rucksack packen. Es geht in den nordöstlichen Teil Balis nach Tulamben. Es sind nur wenige Kilometer, doch in Entfernungen sollte man auf Bali nicht rechnen: Zu schmale Straßen sind gefüllt mit zu vielen Mopeds und Bemo-Großraumtaxis, den Hauptverkehrsmitteln der Insel. Glaubt man einigen Weltmeeres-Einteilungen, dann klingt auch unter taucherischen Aspekten die Reise nach Tulamben nicht nach Katzensprung. Denn demnach tauschen wir den Indischen Ozean, in dem unsere bisherigen Tauchgänge stattfanden, gegen den Pazifik, der im Norden gegen Klippen Balis schlägt. Unterwegs tauchen wir zunächst aber in ein grünes Meer aus Reisfeldern und Palmenhainen. Im Vorbeifahren saugen wir das Leben der Menschen in den Dörfern auf wie unter Wasser Luft. Hier stehen Körbeweise Hähne zur Schau, die sich abends in irgendwelchen Hinterhöfen meist tödliche Kämpfe liefern. Dort sehen wir Frauen mit Türmen von Obst auf dem Kopf balancierend zur einer der unzähligen Zeremonien eilen, während die Männer im Bale Bengong angeregt schwatzen.
In Tulamben angekommen packen wir gleich unser Tauchgepäck und ziehen weiter. Bea führt uns zu einem Geheimtipp, der unter einer Handvoll Tauchguides rar gehandelt wird. Wir versprechen, die Logbucheinträge entsprechend zu präparieren. Als Gegenleistung verspricht sie uns Tauchgänge in der Unterwasser-Tierwelt, für die Indonesien so bekannt ist – und das Ganze zur Abwechslung in badewannenwarmem Wasser und Nullströmung. Es kommt anders! Vom Strand aus geht es einen Hang aus schwarzem Lavasand hinab und wir nähern uns einer Riffwand mit einer kleinen Höhle. Da sich dort bis auf einen jungen Krokodilsfisch nichts Aufregendes befindet, tauchen wir zügig entlang der Mauer etwas höher, um oben auf dem Riffplateau nach den Stars des Platzes zu suchen: den Pygmäenseepferdchen. Kaum haben wir uns jedoch aus dem Schatten der Wand gelöst, reißt uns eine unsichtbare Hand fort. Von der Strömung haben wir nichts mitbekommen als wir am Hang entlang in die Tiefe glitten. Doch jetzt greift sie nach uns und wir versuchen erst gar nicht, dagegen anzuschwimmen. Der unerwartete Driftdive macht Spaß, doch unter solchen Umständen ist die Suche nach den wenige Millimeter großen und darüber hinaus perfekt getarnten Seepferdchen kein Zuckerschlecken. Mit viel Kraft schaffen wir es zu einer großen roten Gorgonie, die nicht ganz so exponiert liegt, so dass wir mit den Flossen strampelnd nach den Winzlingen Ausschau halten können. Tatsächlich findet Beas geübtes Auge schnell eines der Tierchen, dass sich an die Gorgonie geringelt hat und fast mit ihr verschmilzt. Ein Foto wäre nun schön, doch die Strömung ist zu stark, um eine ernstzunehmende Makroaufnahme hinzubekommen. Irgendwie gelingt es doch, aber es werden nicht mehr als Beweisfotos. Das Pygmäenseepferdchen ist heute unpässlich und dreht uns den Rücken zu. Wir müssen an den Heimweg denken, der gegen die Strömung geht. Bea hatte uns schon zu Beginn der Tauchtour gebrieft, dass wir bei harter Strömung einfach schauen sollen, was sie macht. Die Strömungsschatten großer Vasenschwämme nutzend beginnt sie, sich Stück für Stück in Richtung Riffkante zu arbeiten – wir hinterher. An der Kante angekommen, lassen wir uns die drei Meter auf den Sandgrund fallen und mit einem Mal ist die Strömung wieder vorbei und wir tauchen entspannt zum Ufer aus. An Land angekommen zeigt sich Bea sehr überrascht: Dieser Platz sei normaler Weise einer der ruhigsten überhaupt in dieser Ecke. Egal, mittags wollen wir es nochmals wagen. Die Route soll etwas anders verlaufen: Wenn die Strömung nachgelassen hat, zur Riffkante, kurzer Blick zum Seepferdchen, dann aber Rückkehr und aus der Tiefe den Lavasandhang hinauf. Dort stehen vereinzelt Korallenblöcke, die wir untersuchen wollen. Gesagt, getan, die Strömung hat nachgelassen und nach einem kurzen Besuch bei der Gorgonie mit Seepferdchen gehen wir auf Tiefe, biegen zum Sandhang ein – und sind mittendrin in der indonesischen Critterwelt: Kröten- und Schaukelfische machen sich gegenseitig die besten Plätze streitig, unzählige Garnelen und Krebse in unzähligen Formen und Farben. Eine struppige Koralle entpuppt sich als ein Haufen Widderkrebse und ein lose schwimmender Korallenast wird zum weißen Geisterpfeifenfisch.
Abends heißt es dann zum ersten Mal Nachttauchen. Dieses findet am Drop Off statt, einem von mehreren Tauchplätzen, die sich direkt in der Bucht von Tulamben befinden. Gerade nachts scheinen die Critters unterwegs zu sein, wir entdecken wieder viele Garnelen und Krebse, jagende Rotfeuerfische und auch die bizarren Geisterpfeifenfische sind da. Eindrucksvoll sind auch die Massen an Haarsternen, die die Steilwand bekleiden. Ihre Verwandten, die Gorgonenhäupter sind jedoch die faszinierendsten Lebewesen des Nachttauchgangs. Tagsüber zusammengeknüllt und unscheinbar, entfalten sie im Dunkeln ihre komplexen Fangarme zu Fresstrichtern mit über einem Meter Durchmesser.
Früh am anderen Morgen stehen wir wieder am Strand von Tulamben. Wir sind so gut wie allein. Bea gibt letzte Instruktionen – vor allem, wie man über die glitschigen Kieselsteine ins Wasser gelangt, ohne sich beide Beine zu brechen. Wie überall rund um Tulamben beginnt auch dieser Tauchgang mit einem Hang aus Lavasand. Doch schon nach wenigen Minuten schält sich ein großer Körper aus dem Blau des Pazifiks. Immer deutlicher werden die Konturen und dann ist sie da: Vor uns zeigt sich das mächtige Heck der U.S.A.T Liberty. Als wir den großen Torbogen zwischen Heck und Ruder, überholt uns eine Suppenschildkröte und macht sich an Weichkorallen zu schaffen, bevor sie mit ein, zwei Flossenschlägen außer Sicht rudert. Am Bug angekommen deutet Bea auf ein längliches Ding. Wir trimmen uns in die richtige Perspektive und erkennen die riesige Bugkanone, die die Liberty im II. Weltkrieg erhielt, als aus dem zivilen Frachter ein Kriegsschiff wurde. Jetzt zeigt die Kanone in Richtung Grund und bei ihrem Bewuchs fallen selbst dem größten Vernunftmenschen sentimentale Sprüche wie „Einst Tod und Verderben bringend – nun ein Hort des Lebens“ ein. Aber wir sind nicht zum Sprüche klopfen hier, fürs Erste reicht’s auch mit dem Wrack.
Als wir am Strand auftauchen, sehen wir, warum Bea unbedingt früh ins Wasser wollte. Alles voller Taucher, Unmengen zusammengerödelter Flaschen und Jackets liegen über den Strand verteilt und ständig bringen die einheimischen Träger Nachschub. Wir schnappen uns unsere Bleigewichte und schauen, dass wir so schnell wie möglich das Weite suchen. Sehr angenehm nach dem Tauchen: Die Jackets und Flaschen werden wieder zur Basis zurückgetragen. Anfänglich ist es etwas unangenehm, dass hier vor allem Frauen als Träger fungieren. Dass zumindest unter physiologischen Gesichtspunkten hierzu kein Anlass besteht, erfahren wir kurze Zeit später buchstäblich am eigenen Leib: Wir haben beschlossen, wenigstens einmal im Urlaub eine Massage zu genießen und aus der Schar von Trägerinnen wird im Nu ein Heer von Masseusen. Auf die Frage, ob soft, medium oder strong entscheiden wir uns für den Mittelweg und bereuen es sofort. Die Frauen haben unglaubliche Kräfte und kneten uns durch wie Hefeteig. Eines scheint sicher: Im Falle von „strong“ wären wir auseinandergerissen worden.
Am Tag darauf stehen die letzten Tauchgänge an. Nachmittags besuchen wir den Korallengarten. Der Platz selbst scheint eher unspektakulär, der übliche Lavasandhang aufgelockert mit vereinzelten Korallenblöcken. Die haben es jedoch in sich, bald hüpfen wir nur noch von Block zu Block, angetrieben von Beas kurzen Shakerstößen, die ankündigen, das sie wieder einen bizarren Krebs, einen Schaukelfisch oder eine neongelb-blau gemusterte Geistermuräne entdeckt hat. An einem Trichterschwamm lassen wir uns von Putzergarnelen eine Maniküre verpassen. Bea macht es vor, doch sie lässt ihre Handpflege schnell sein, nachdem die Garnelen ihre Fingernägel links liegen lassen und sich gleich über eine Schnittverletzung an ihrer Hand hermachen. Putzergarnelen handeln eben nicht uneigennützig und die Wunde scheint mehr Sättigung zu versprechen. Wir sind noch mit den Garnelen beschäftigt, da geht Beas Shaker wieder los. Schnell stoßen wir in ihre Richtung und erkennen bald den Grund für ihr Geklacker: Vor uns baut sich eine mächtige Wand auf – bestehend aus Hunderten silberner Großaugenmakrelen. Wir lassen uns der Reihe nach immer wieder vom trichterförmigen Makrelenschwarm verschlucken und wieder ausspucken, bis Bea dezent darauf hinweist, dass wir die 50 Bar erreicht haben. Okay, okay, widerwillig lassen wir den Makrelenschwarm hinter uns und steuern in Richtung Land, vorbei an einer Korallenaufzuchtstation. Es wimmelt so von Jungfischen, außen patrouillieren die Räuber, immer auf der Suche nach einem Juvenilen, der sich zu weit aus dem Stahlgeflecht wagt. Eine Sepia kommt vorbei und wechselt für uns zum Abschied die Farben. Wir wollen nicht, aber wir müssen: Wir tauchen zum Strand und soweit, dass wir schon am Boden schleifen. Und irgendwann hat es keinen Sinn mehr, wir müssen nur noch den Kopf leicht anheben und sind praktisch schon aus dem Wasser, unser Tauchgang und unsere Bali-Tauchsafari ist zu Ende.
Trotz aller Erlebnisse auf und unter Bali sind wir dennoch skeptisch, ob wir die Insel der Götter nochmals betreten werden. Der Ursache dafür liegt nicht auf Bali, sondern drumherum: Indonesien hat noch viele, viele Inseln.
Info:
dive-bali.de – Die Homepage von Bea Goldschmidt
taucher.net – Was sagen andere zu Bea Goldschmidt
Altes Kalkbergwerk Miltitz
Pedo mellon a minno – Sprich Freund und tritt ein…
Da ist sie schon wieder, die Gänsehaut. Kriecht die Arme hoch und fängt sich im Staunen, das sich schon länger in meinem Hirn festgesetzt hat. Das Staunen, ausgelöst durch die unwirklichen visuellen Eindrücke, die ich unter Wasser auf unserem Weg durch die Gänge und Hallen des alten Kalkbergwerks in Miltitz einfange…
Es ist Anfang des 19. Jahrhunderts als man im kleinen Ort Miltitz in der Nähe von Meissen mit dem bislang obererdig erfolgten Abbau des Kalks in den Untertagebau übergeht. Über einen 150 Meter langen Förderbremsberg, der auch heute noch den Zugang zum Bergwerk darstellt, fuhr man unter Tage um den vor Jahrmillionen durch die Urgewalten des Erdinneren entstandenen Kalk- und Marmorstein an die Oberfläche zu holen. Durch die im Laufe des Jahrhundert fortschreitende Entwicklung der Abbautechniken wurde ein immer tieferes Graben nach dem Rohstoff möglich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich die Vorkommen schließlich erschöpfen, verfügt das Bergwerk über fünf Sohlen. Fünf Sohlen, die sich durch die verbesserten Techniken neben der größeren Tiefe auch in ihren Dimensionen unterscheiden. 1924 wird das „Alte Kalkbergwerk“ aufgegeben, so dass sich Grundwasser und das Sickerwasser des Flüsschens Triebisch daran machen, es zu fluten. Im zweiten Weltkrieg wird kurzzeitig versucht dort eine Flugbenzinfabrik unterzubringen. Nach dem Krieg müssen Sicherungsarbeiten als Verfüllungen entlang der dicht entlang laufenden Bahnlinie unternommen werden.
Und dann? 1997 ist es, als nach einem langen Genehmigungsverfahren die ersten Tauchkisten in die heutige „Bergseehalle“ geschleppt werden. Die ersten Tauchversuche unternehmen Peter Panitz und Udo Krause und beginnen Führungsleinen im Bergwerk zu verlegen, die ein sicheres Betauchen der Sohlen möglich machen sollen. 1998 kann mit der Gemeinde ein Vertrag zur Nutzung als Höhlentauchgewässer abgeschlossen werden, der Einstiegspunkt für Taucher wird verlegt und ein abtrennbarer Bereich eingerichtet. Weitere Nebenleinen werden installiert und schließlich findet 2002 auf Inititative von Olaf Kroll hin, der erste Trimixtauchgang im Bergwerk in Miltitz statt. Der Startpunkt für die Taucher um auch die tieferen Sohlen zu erforschen.
Wer sein Auto heute von der Talstrasse aus durch den engen Brückenbogen unter der Bahnstrecke steuert, findet ein wohl organisiertes Besucherbergwerk vor. Im neuen Verwaltungsgebäude vor dem Zugang erhalten alle Gruppen ihre Einweisung, sowie einen der bunten Helme, die vor potentiellen Bruchstücken schützen sollen, die von der Decke fallen könnten. Wer ohne Helm geht und getroffen wird… selbst Schuld.
Helmpflicht erfahre ich also, als ich aufgeregt und neugierig beim Briefing zwischen den anderen stehe, die sich mit mir bei Peter Panitz vom Tauchtreff Dresden für dieses Wochenende angemeldet haben. Helmpflicht, aber nicht unter der Wasseroberfläche.
Die maximal 25 Taucher sind ein bunt gemixter Haufen aus alten Miltitzhasen und Frischlingen wie mir, die der Sucht erst noch verfallen werden. Eine nette Mischung. Sprüche fliegen hin und her, während das schwere Gerödel in die zwei bereit stehenden VW Busse geladen wird, die an Tauchtagen morgens um 9 Uhr ins Bergwerk fahren. Wohl dem, der rechtzeitig da ist. Danach ist ein geländegängiger Handwagen ein unerlässliches Hilfsmittel, um mit schwerem Gepäck die 150 Meter bis in die Halle des Bergwerks zu überwinden.
Der erste Gang den Förderbremsweg hinunter kommt mir vor, als würde ich in der Zeit zurückversetzt. Die Grubenlampen entlang des Stollens erzeugen eine dämmerige und urtümliche Stimmung. Am Ende der Strecke öffnet sich eine Halle. Staunend blicke ich in einen großen Raum mit dicken Säulen aus Kalkstein und dahinter – der Bergwerksee. Bunte Beleuchtung lässt das scheinbar kristallklare Wasser schillern, so dass mir die emsigen Tauchvorbereitungen zu meiner Rechten erstmal recht egal sind und ich am Seerand die Atmosphäre aufsauge. Die Gänsehaut meldet sich das erste Mal, als ich daran denke, dass wir hier gleich tauchen wollen.
Wir… äh… ja. Wo ist er eigentlich, mein Buddy? Na, toll, da hab’ ich gleich bei meiner ersten Besichtigung den Anschluss an meine andere Teamhälfte verloren. Ich finde Jan im Dämmerlicht zwischen den anderen wuselnden Tauchern aber schnell wieder. Als alter Miltitzhase bestens ausgerüstet, sortiert er im Schein seiner Kopflampe unsere Flaschen zusammen, die, aus den VW-Bussen ausgeräumt, auf dem Boden verstreut sind. Wohl dem, der seine Geräte mit Namen versehen hat!
Die „Tauchzeit“ in Miltitz geht von 9 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags. Bezahlt wird nach Anzahl der Tauchgänge. So kann jeder selber entscheiden, ob er sich zügig daran macht, um zwei Tauchgänge zu absolvieren oder es lieber entspannt angehen lässt. Wir wählen letztere Variante, die reichlich Zeit lässt, unser Equipment auf den bereitgestellten Bänken zusammen zu bauen, mir ein detailliertes Bergwerksbriefing zu verpassen und einen adäquaten Plan für den Tauchgang abzusprechen. Letzteres am besten bei einer heißen Nudelsuppe, draußen auf dem Parkplatz. Ein vernünftig gefüllter Magen ist durchaus angeraten. Die Wassertemperatur des Bergwerks bietet ganze acht Grad. Nichts für Schlechtisolierte und Schnellfrierer. Dem Körper vorab in sinnvollem Umfang ein paar Brennstoffe mit auf den Weg zu geben, steigert den Tauchspaß immens. Und dafür sind wir schließlich hier!
Tauchen in Miltitz. Bauartbedingt braucht man dafür als Eintrittskarte eine Höhlentauchausbildung. Getaucht werden kann dann auf den ersten drei Sohlen, die sich über einen Tiefenbereich bis knapp 30 Meter erstrecken und durchaus mehrere unterschiedliche Tauchgänge zulassen. Um auf die tieferen Sohlen zu gelangen, muss man am 30-Meter-Stopschild vorbei. Das geht ausschließlich mit Trimix in den Geräten. Oberhalb davon sind die meisten Gänge ausgeleint, so dass ausgiebige Eigenerkundungen entlang dieser Nabelschnüre erfolgen können.
Soweit zu den Fakten… was bleibt ist die Erinnerung. Die Erinnerung an zwei ausgiebige Tauchgänge durch die Stollen und Hallen des Bergwerks, bei denen ich endlich, endlich meinen 18W-HID-Lampenkopf lieb gewonnen habe. Lange habe ich seinem kleinen handlichen Vorgänger nachgetrauert und nie so recht verstanden, was alle an diesen Monstern auf dem Handrücken finden. Jetzt weiß ich’s. Was für ein beeindruckender Anblick, wenn das ewig lange Lichtschwert in ein Gewölbe in Miltitz strahlt, das Ende des Lichtscheins deutlich zu sehen, die Höhlenwand oder -decke dahinter aber nur zu erahnen ist. Scheinbar endlose Sichtweiten lassen mich auf unserem Weg durch das Bergwerk immer wieder staunend anhalten und ausleuchten, was da vor, neben und über mir im Laufe des letzten Jahrhunderts von Menschenhand abgeschlagen wurde. Jan ist zum Glück geduldig und lässt sich trotz seiner vielen Tauchgänge im Bergwerk von meiner Begeisterung anstecken.
Die Überbleibsel der Abbauaktivitäten geben dem Taucherlebnis eine ganz eigene Atmosphäre. Form und Struktur der Gänge lassen Höhlenfeeling aufkommen, aber zwischendrin finden sich immer wieder Beweise der Bauarbeiten: ein Fahrrad, Schaufeln oder Moniereisen in den Wänden und Böden. Und was für ein Anblick, als wir dem Gang hinunter in die sogenannte Heynitzhalle folgen! Vor mir öffnet sich eine riesige Halle mit dicken Kalksteinsäulen. Es sieht nach einer Höhle aus, aber dazwischen findet sich eine gemauerte Wand mit einer Tafel daran und eine Treppe windet sich durch das Gestein. Pling, und schon ist sie da, die Assoziation. Die Gefährten auf dem Weg durch Moria – Hobbits, Elben und Zauberer – „Sage Freund und tritt ein“…
Die Assoziation verfliegt schließlich durch einen anderen Eindruck. Begeistert habe ich einen Moment inne gehalten, so dass Jan ein paar Meter Vorsprung gewonnen hat. Förmlich schwerelos scheint der schwarzgekleidete Taucher vor mir über der Mauer zu schweben und nur seine Ausatemblasen verraten das kristallklare Wasser…
Trotz der niedrigen Temperaturen konnte ich mich bei beiden Tauchgängen nur schweren Herzens mit dem Gedanken anfreunden sie zu beenden. Die Fragen der „Miltitzureinwohner“, ob’s mir denn gefallen hätte, verstummten direkt nach dem ersten Blick in mein Gesicht. Es hat wohl ein paar Stunden gedauert, bis ich das Grinsen wieder raus hatte…
Natürlich ist die Qualität des Taucherlebnisses „Bergwerk Miltitz“ von vielen Faktoren wie Vorerfahrung, Sichtweiten des Wochenendes und Teamzusammensetzung abhängig. Aber egal wie es damit auch immer aussieht – wer mit einem Höhlentauchbrevet in der Tasche ein schönes Wochenende mit viel Spaß an seinem Hobby erleben möchte, ist hier genau richtig.
Ein dickes Dankeschön an dieser Stelle an Familie Kroll für die super nette Unterbringung und Versorgung, an Peter Panitz vom Tauchtreff Dresden für die Organisation und das ausdauernde Grillen unserer kroll’schen 2000.er-Steaks am Sonntag und – last but not least – an meinen Buddy, der mir zu einem meiner bislang beeindruckendsten Taucherlebnisse verholfen hat.
